Das Portal
gegen Neonazis
Ein Projekt des Magazins stern und der
Allein 2011 half EXIT Deutschland 52 Personen beim Ausstieg aus der Neonaziszene – sechs davon sind Frauen. Die stern-Aktion unterstützte EXIT bei dieser Arbeit.
Von Linda Polónyi
Im Rahmen des seit 2009 laufenden Projekts „Seitenwechsel – Ausstieg als Einstieg in ein neues Leben“ wurden in diesem Jahr 52 Personen beim Ausstiegsprozess begleitet, darunter sechs Frauen. Die Ausstiegsbegleitung ist zugleich an eine Eingliederung in den Arbeitsmarkt gekoppelt. Dazu werden verschiedene EXIT-Werkstätten mit den Aussteigern und Aussteigerinnen durchgeführt – u.a. die Fotowerkstatt „Lebensbilder“ mit dem Ziel der Aufarbeitung und Selbstreflexion durch Bilder. Die Werkstätten dienen zur Erprobung von Fähigkeiten der Aussteiger sowie zur Auseinandersetzung mit Ideologien und Zukunftsorientierung in Bezug auf geistigen, sozialen und beruflichen Neuanfang. Die stern-Aktion unterstützte EXIT Deutschland dafür mit 40.000 Euro.
Trojanische T-Shirts
Am meisten Aufsehen erregte EXIT 2011 mit einer Anwerbeaktion durch trojanische T-Shirts. Um die Zielgruppe – also Neonazis – zu erreichen, ließ EXIT 250 T-Shirts auf dem Rechtsrockfestival „Rock für Deutschland“ am 6. August in Gera verteilen. Die Shirts waren mit einem Totenkopf, der Aufschrift „Hardcore Rebellen“ und der Fahne der freien Kräfte bedruckt. Die eigentliche Message der Shirts offenbarte sich allerdings erst nach dem Waschen in den eigenen vier Wänden der Trägerinnen und Träger. Unter dem abwaschbaren Aufdruck befand sich die nicht abwaschbare Botschaft „Was dein T-Shirt kann, kannst Du auch – Wir helfen Dir, Dich vom Rechtsextremismus zu lösen“ und die EXIT Kontaktdaten. Um die richtigen Empfänger und Empfängerinnen der Botschaft zu erreichen, waren die trojanischen T-Shirts als anonyme Spende für das Rechtsrock-Festival angeboten worden. „Mit den T-Shirts wollten wir unser Angebot in der Szene bekannter machen und vor allem die jungen und noch nicht so gefestigten Rechtsextremen ansprechen“, so Bernd Wagner von EXIT.
Als weitere Mittel zur besseren Erreichung potentieller Aussteiger und Aussteigerinnen gab es einen Relaunch der Website von EXIT im Juli diesen Jahres und EXIT ist nun auch auf Facebook vertreten, um dort mit Ausstiegswilligen oder deren Umfeld Kontakt aufzunehmen.
Deradikalisierung im Landkreis Dahme-Spreewald
EXIT engagiert sich zudem mit lokalen Projekten in Regionen, in denen rechtsextreme Organisationen aktiv sind und ein hohes Wirkungspotential entfalten. In diesem Jahr wurde das Projekt „Deradikalisierung und Kriminalprävention – Landkreis Dahme-Spreewald“ durchgeführt. In dem Landkreis bestehen Strukturen sowohl der Freien Kräfte, als auch der NPD und der internetbasierten Gruppe „Spreelichter“. EXIT analysierte die Situation vor Ort, um regional Engagierte auf der Basis dieser Erkenntnisse zu unterstützen. Der Schwerpunkt des Projekts lag in der direkten Auseinandersetzung mit Neonazis in ihren Wirkungsbereichen. Im November fand in Halbe eine Fachtagung zu verfassungsfeindlichen Bestrebungen im Landkreis Dahme-Spreewald statt.
Aus der Analyse der Situation vor Ort entstanden zwei Publikationen. Im Mai wurde die Studie „Lagebericht. Rechtsextremismus im Landkreis Dahme-Spreewald“ veröffentlicht. Im Juni folgte die Studie „Volkstod und Unsterblichkeit. Moderner Rechtsextremismus in Südbrandenburg – Agitation, Erscheinungsbild und Kontinuität“, die sich mit Brandenburgs größten und aktivsten Neonazi-Gruppierung „Nationalen Sozialisten in Südbrandenburg“ und deren Internet-Auftritt „Spreelichter“ auseinandersetzt. Fabian Wichmann von EXIT sagt, die Spreelichter „grenzen sich von anderen Organisationsformen wie den ‚Autonomen Nationalisten‘ oder den ‚Kameradschaften‘ ab. Sie wirken poppig. Die Inhalte sind aber alt: Sie sind klassisch völkisch, rassistisch mit ihrer Rede vom Volkstod.“ Auch die Gruppe der „Unsterblichen“ gehört zu diesen Kreisen, die Aufmärsche mit Masken, Fackeln und Musik veranstalten. „Es wird ein inszeniertes theatralisches Zeichen gesetzt, real und virtuell. Es produziert assoziative Räume und bietet Identifikation mit dem ‚Höheren‘“, so Wichmann.