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Denk!mal

Alljährlich bietet Berlins Abgeordnetenhaus eine deutschlandweit einmalige Plattform für Jugendliche in einem parlamentarischen Raum: „Denk!mal“ heißt das Jugendforum rund um den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Dann wird das Kasino des Berliner Landtags zur Informationsbörse über Initiativen gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus und der Plenarsaal steht Schülerinitiativen zur Verfügung, die sich dort mit Kultur- und Diskussionsbeiträgen Abgeordneten und der interessierten Öffentlichkeit präsentieren. „Denk!mal“ fand am 28. Januar 2008 zum sechsten Mal unter Schirmherrschaft des Berliner Abgeordnetenhauspräsidenten Walter Momper statt – und wird jedes Jahr veranstaltet. Preise für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen gibt es auch.

Besucher fanden eine eindrucksvolle Mischung jugendlicher Kreativität vor: Im Laufe des Abends mischten sich Musik, Tanztheater und Videosequenzen. Mehrere Gymnasialklassen zeigten bewegende Befragungen von Zeugen des Holocaust, darunter war auch ein Bericht über ein regelmäßiges Treffen von Überlebenden aus dem „Zimmer 28“ des ehemaligen Konzentrationslagers in Theresienstadt.

Vor allem das Stöbern entlang der Ausstellungsstände im Kasino des Abgeordnetenhauses führte eindrucksvoll vor Augen, wie vielfältig Einzel- und Gruppenengagement gegen Extremismus gleich welcher Couleur, gegen Gewalt und gegen Geschichtsvergessenheit sein kann. Der Oberschüler Matthias Jenke aus Lübbenau präsentierte sein Buch, das Ergebnis einer Studienreise nach Frankreich. Dort hatte er Zeitzeugen interviewt und begleitet. Schüler aus Polen, England und Deutschland betreiben ein Internetportal (www.auschwitzstudy.net) gegen das Vergessen der Verbrechen; sie hatten sich in Auschwitz getroffen, um dort Archive durchzuarbeiten.

Veranstaltungen wie diese zeigen, wie wichtig es ist, bei der pädagogischen Arbeit gegen Rechtsextremismus keine Ausdrucksmittel vorzuschreiben und stattdessen individuelle Neigungen und Interessen von Schülern zu integrieren. So träumen viele ambitionierte Jugendliche von einer Karriere im Musikgeschäft und wählen deswegen HipHop-Beats, um sich gegen Rassismus auszusprechen. Besonders diese Freiheit kommt dem Medium als auch dem Inhalt zu Gute. Assoziiert vor allem die ältere Generation mit Sprach-Musik den Sittenverfall der Jugend, kann durch die Verwendung der Musik im Kontext von Jugendprojekten gegen Rassismus das Genre an Bedeutung gewinnen.

Andersherum werden viel mehr Jugendliche durch die Möglichkeit anderer Medien angespornt sich zu beteiligen. Es liegt nicht jedem, seine Gefühle in Versform niederzuschreiben, wie Julia Hollnagel, die mit einem Gedicht „Und Du?“ die Herzen des gesamten Auditoriums berührte. Ein Ausschnitt:
„...du kannst dich immer noch dran laben
Wie die Nazis Menschen wie dich und mich beseitigt haben
Millionen vergast, verbrannt Verschwunden wie von Geisterhand
Du, du findest das toll Ich glaub nicht, dass das so sein soll
Willst du dass es auch mit dir geschieht
Statt Frieden lieber Krieg?…“

Gerade in dieser neuen Freiheit, ungewöhnliche oder sogar verpöhnte Zugänge zur Aufarbeitung zuzulassen, liegt eine große Chance. In Berlin wird sie beispielhaft genutzt. Aber auch öffentlich wahrgenommen? Die Presseresonanz anderntags fällt mager aus.

www.denkmal-berlin.de

Aus: Holger Kulick (Hrsg.), MUT-ABC für Zivilcourage. Ein Handbuch gegen Rechtsextremismus. Von Schülern für Schüler, Leipzig 2008.
Bei Direktbestellung HIER für fünf Euro zu erwerben.

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