Sie sind hier

N wie...

Nicht-parteiliche Strukturen

Aktiver und öffentlichkeitswirksamer als die parteilich strukturierte extreme Rechte waren und sind die nicht-parteilichen Gruppen. Nachdem zwischen 1992 und 1995 acht rechtsextremistische Organisationen verboten wurden (u.a. die Deutsche Alternative (DA), die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) und die Nationale Offensive (NO) sowie die Wiking-Jugend), kam es zu einer Strategiedebatte. Die Frage, wie man am besten gegen die "wehrhafte, streitbare Demokratie" vorgehen könne, wurde mit der Parole "Organisation durch Desorganisation" beantwortet.

Aus den alten Strukturen sollte eine Art Volksfront gebildet werden, ähnlich der APO (also: alle machen mit, keiner ist verantwortlich). Denn wo keine erkennbare Organisation vorhanden ist, kann man diese auch nicht zerschlagen. Das Gegenkonzept lässt sich folgendermaßen beschreiben:

– Aufbau bzw. Weiterführung unabhängiger Gruppen ohne formale
Mitgliedschaft
– Bundesweite Koordinierung unter Leitung anerkannter lokaler Führer
– Schaffung einer technischen Infrastruktur für einen effektiven
Informationsaustausch (Fax-Anschlüsse, Handys, Mailboxen,
Info-Telefone, E-Mails).

Schritt für Schritt setzte eine Dezentralisierung in autonome und unabhängige Kameradschaften ohne Vereinsstruktur ein. Die Köpfe der Szene wurden dadurch nicht entmachtet, vielmehr fanden sich deren Anhänger nun in schwach organisierten Kleingruppen zusammen, die nur durch informelle Kontakte ihrer lokalen Anführer miteinander vernetzt sind.

Dieses Bewegungs-Prinzip versprach besseren Schutz gegen staatliche Repression, weil infolge der hohen Mobilität nur schwer eine Beobachtung durchzuführen ist und wegen der fehlenden Vereinsstrukturen kaum juristisch sanktioniert werden kann. Außerdem hoffte man auf ein Ende der lähmenden Rivalitäten zwischen den einzelnen Organisationen und auf mehr Resonanz bei den rechtsextremistischen Subkulturen (vor allem Skinheads), die für zentralistische und verbindliche Organisationen kaum zu begeistern sind.

Die Strategiedebatte zwischen Anhängern des Bewegungs- und des Parteiprinzips ist weiterhin in vollem Gange. Insbesondere Funktionäre der NPD kritisieren die Spontaneität vieler "national-autonomer" Kameraden als unprofessionell und ineffizient.

Bulletin 1/2002: Rechtsextremismus heute - Eine Einführung in Denkwelten, Erscheinungsformen und Gegenstrategien. ZDK